Kritische Bemerkungen zu R. Werner's Banking Typologie

mit einer Erläuterung warum das Giralgeld der Banken zwar getrennt, aber nicht unabhängig vom Zentralbankgeld existiert     

von Joseph Huber

Richard A. Werner 2015: A lost century in economics. Three theories of banking and the conclusive evidence, International Review of Financial Analysis, 1 – 19.  -
eprints.soton.ac.uk/384540/?_ga=1.209791644.866290598.1476449053.

Richard A. Werner 2014: Can banks individually create money out of nothing? The theories and the empirical evidence, International Review of Financial Analysis 36 (2014) 1–19.  -  eprints.soton.ac.uk/372866/?_ga=1.244861452.866290598.1476449053.

 
Werner unterscheidet drei Bankingmodelle bzw drei Theorietypen betreffend die Schöpfung und Zirkulation von Geld durch die Banken:
(1)  die Finanzintermediär-Theorie der Banken, die auf dem Modell der verleihbaren Bankeinlagen beruht (loanable funds model)
(2)  die Theorie des fraktionalen Reservebanking und der Reservenzirkulation
(3)  die Theorie der Banken-Kreditgelderzeugung bzw Giralgelderzeugung aus dem Nichts.   

Werner weist die Modelle (1) und (2) zurück, also das Modell der verleihbaren Bankeinlagen ebenso wie die Theorie der fraktionalen Reservenzirkulation. Dage­gen hält er Modell (3), Giralgeld aus dem Nichts, für das einzig richtige. Das ist so nicht richtig. Obwohl die Werner'sche Typologie in verschiedener Hinsicht ihr Zutreffendes hat, sind die drei Modellbeschreibungen teils ungenau oder unvollständig, sodass sie in die Irre führen können. Der Typus (2) repräsentiert ein unvollständiges und von daher auch unzutreffendes Verständnis der Reservenzirkulation. Der Typus (3) zum Giralgeld aus dem Nichts ist ungenau und übers Ziel hinaus geschossen, indem die Rückbindung des Giralgeldes an die Reservenzirkulation ausgeblendet wird.

Die Zurückweisung der Finanzintermediär-Theorie der Banken und des Modells der verleihbaren Bankeinlagen (deposits as loanable funds) ist unter fortge­schrittenen Geldsystemanalytikern nicht strittig. Jedoch sollten gewisse Aspekte genauer dargelegt statt weggelassen werden. Dies beinhaltet zum Beispiel den Sachverhalt, dass das zweistufige Bankensystem aus zwei verschiedenen Geldkreisläufen besteht, nämlich
-    der Interbanken-Zirkulation von Reserven (= unbares Zentralbankgeld auf dem Konto einer Bank bei der Zentralbank) und
-    der Zirkulation von Giralgeld im Publikumsverkehr unter Nichtbanken. Zentralbank-Reserven und Banken-Giralgeld sind dabei zwei verschiedene Klassen von Geld, die sich niemals vermischen, obwohl die Publikumszirkulation von Giralgeld an die Interbankenzirkulation von Reserven rückgebunden ist. Reserven können nicht auf ein Kundenkonto bei einer Bank überwiesen werden, ebenso wenig kann das Giralgeld der Bankkunden (Bankeinlagen bzw Depositen) auf ein Zentralbankkonto überwiesen werden.       

Darüber hinaus ist es für Banken nicht möglich, mit Kundeneinlagen (Giralgeld) Kredite zu finanzieren oder andere Zahlungen vornehmen. Der Grund liegt darin, dass Giralgeld eine Verbindlichkeit einer Bank gegenüber ihren Kunden ist, nicht ein liquides Aktivum wie Bargeld oder unbare Überschussreserven (Zahlungsreserven), die aber genau das sind, was eine Bank braucht, um Auszahlungen an Kunden oder Überweisungen an andere Banken bzw deren Kunden vornehmen zu können. In den getrennten Kreisläufen der Interbankenzirkulation und der Publikumszirkulation können beiden Klassen von Geld – Zentralbank-Reserven und Banken-Giralgeld – nicht an die Stelle des jeweils anderen treten.  

Anders verhält es sich dagegen mit traditionalem Bargeld. Banken können neues Bargeld von der Zentralbank an Kunden weitergeben, oder umgekehrt von Kunden erhaltenes Bargeld an die Zentralbank zurück leiten. Auch können Banken von Kunden eingenommenes Bargeld für Bargeld-Auszahlungen an andere Kunden verwenden. Aber Bargeld ist für das moderne Geldsystem schon lange nicht mehr konstitutiv. Bargeld kommt nur noch durch eine Auswechslung aus einem Girokonto in Umlauf. Aber auch der Publikumsverkehr erfolgt heute zu 85–95% bargeldlos und beruht an der Quelle auf unbarem Kreditgeld in Form von Reserven und Giralgeld.

Was es heute jedoch weiterhin gibt, ist ein sekundärer Kredit- und Kapitalmarkt jenseits der primären Kreditgeldschöpfung (Giralgeldschöpfung) der Banken. Auf dem sekundären Kapitalmarkt können Bankkunden ihr Giralgeld zum Beispiel in Fonds investieren oder es anderen Nichtbanken leihen. Am sekundären Kapitalmarkt gilt das Modell des verleihbaren Giralgelds also weiterhin. Unabhängig davon gilt das loanable funds model auch am Interbanken-Geldmarkt mit Reserven. Banken können überschüssige Reserven einander leihen (sie müssen es tatsächlich, damit das System funktioniert). Schließlich, obwohl Banken keine Giralgeld-Finanz­inter­mediäre sind, sind sie doch monetäre Intermediäre bzw Zahlungsdiensteleister, indem sie die bargeldlosen Giralgeld-Zahlungen ihrer Kunden untereinander ausführen durch Interbanken-Clearing und/oder abschließend fällige Zahlung in Reserven von Bank zu Bank.

Werner's Typus (2) zur Reservenzirkulation erfasst nicht die ganze Wahrheit bezüglich des Reservebanking. Das Modell kombiniert die Reservenzirkulation mit dem falschen loanable funds model und dem weltfremden Multiplikatormodell nebst der reserve position doctrine, d.h. der Vorstellung, eine Zentralbank würde mittels Vorgabe von Reserveguthaben die Giralgeldschöpfung der Banken kontrollieren. Selbst wenn sich ein solcher Mischmasch in der ein oder anderen Weise bei Autoren wie Keynes, Samuelson, Tobin, Minsky, Issing u.a. finden sollte, so rechtfertigt dies nicht, die Theorie der Reservenzirkulation auf diesen Mischmasch zu reduzieren, und daraufhin das Modell des fraktionalen Reservebanking und das der Giralgeldschöpfung aus dem Nichts als 'einander ausschließende Auffassungen' zu postulieren. In Wirklichkeit gehen beide Hand in Hand, indem die Giralgeldschöpfung der Banken an die Interbanken-Zirkulation einer fraktionalen Basis an Reserven gebunden ist, ebenso wie residual noch an einen fraktionalen Kassenbestand an Bargeld.

Die Theorie des fraktionalen Reservebanking, soweit sie mit jenen irrealen Vorstellungen der Finanzintermediation und Reservenmultiplikation der Banken einher geht, ist sicherlich falsch und wird von Werner zurecht zurück gewiesen. Gleichwohl beinhaltet die Theorie des fraktionalen Reservebanking mehr als nur diese teils veralteten und teils von vornherein unzutreffenden Konstruktionen. Außerdem, ungeachtet der Theorie: die tatsächliche Realität einer Reservenzirkulation im Zusammenhang mit der Zirkulation des Giralgeldes der Banken leugnen zu wollen, wäre schlichtweg absurd.

Werner's Typus (3) schließlich – die Giralgelderzeugung aus dem Nichts – ist allzu unspezifisch und übertrieben. Unspezifisch, weil jedes moderne Zeichengeld 'aus dem Nichts' hergestellt bzw in die Bücher geschrieben wird, ganz gleich ob es sich um das Giralgeld der Banken handelt oder um die Banknoten und Reserven der Zentralbank oder die Scheidemünzen des Finanzministeriums. Der Wert modernen Geldes, seine Kaufkraft, ist ein übertragener Wert, der sich auf die Preise der Dinge bezieht, die es für Geld zu kaufen gibt, und der letztlich in nichts anderem 'gedeckt' oder verankert ist, als der realen Wirtschafts­leistung.

Als empirischen Beleg für die Schaffung von Giroguthaben aus dem Nichts führt Werner als Beispielfall die Bank-interne Darlehensvergabe an einen Kunden an. In verbreiteter Darstellungsweise erfolgt hierbei eine Bilanzverlängerung durch den paarweisen Eintrag einer Kreditforderung an den Kunden auf der Aktivseite und einer täglich fälligen Verbindlichkeit gegenüber dem Kunden auf der Passivseite. Die betreffende Buchungspraxis kann sich davon allerdings je nach Land und Zeit unterscheiden, und selbst wenn die Darstellungsweise an sich nicht falsch ist, so ergibt sie insoweit doch noch keinen Sinn, denn ein Kunde nimmt Geld nicht auf, um es auf dem Konto zu halten, sondern um damit fällige Zahlungen zu tätigen; und sobald der Kunde das Giralgeld bar abhebt oder es anderswohin überweist, wird die Bilanzerweiterung der betreffenden Bank rückgängig gemacht, indem passivaseitig die Verbindlichkeit gegenüber dem Kunden ausgebucht wird und aktivaseitig die Barkasse oder das Reservenkonto der Bank bei der Zentralbank belastet wird.      

Es kommt darin die Tatsache zum Ausdruck, dass die Bilanzenerweiterung durch Giralgelderzeugung nicht der individuelle Akt einer Bank ist, sondern es sich um einen kooperativen Vorgang im gesamten Bankensektor handelt: Die aktivaseitige Kreditforderung wird bei der Darlehens-gebenden oder Wertpapier-kaufenden Bank hinzu gefügt, während die dazu gehörige Bankverbindlichkeit (das Giralgeld) passivaseitig in die Bilanz der Empfängerbank Eingang findet. Alle Banken müssen die an sie überwiesenen Verbindlichkeiten von anderen Banken gegenseitig annehmen. Andernfalls würde das Giralgeldregime auf fraktionaler Reservenbasis nicht funktionieren.

Eine Bilanzenerweiterung, sowohl individuell als auch bankenkollektiv, erfolgt durch fortgesetzte Kreditausstellung und gegenseitige Giralgeld-Anerkennung gleichwohl. Dies hat seinen Grund darin, dass die Zirkulationsgeschwindigkeit (Nutzungshäufigkeit) des Giralgelds im Publikumskreislauf viele Male langsamer erfolgt als die eines Reservebetrags im Interbankenkreislauf; oder umgekehrt formuliert, dass die Reserven im Interbankenkreislauf viele Male schneller (häufiger) hin und her zirkulieren als Bankkunden von ihrem Giralgeld Gebrauch machen. Eben dies ermöglicht die Fraktionalität des Reservebanking, das heißt, ermöglicht es den Banken Giralgeld in großen Mengen zu erzeugen, das von den Zentralbanken nur zu einem sehr geringen Teil in Bargeld und Überschussreserven re-finanziert zu werden braucht (im Euro zu etwa 2,5% der Giralgeldumsätze, davon 1,4% Barkasse, 0,1% Überschussreserve und 1% nutzlose Mindestreserve). Die Zentralbanken bedienen reaktiv die monetären Tatsachen, welche die Banken im Vorlauf schaffen.

Um eine Kreditforderung und eine Giralgeld-Verbindlichkeit ihrer Bilanz hinzu zu fügen, mag ein simpler Bucheintrag 'Kreditkonto an Kundenkonto' genügen. Dafür braucht eine Bank weder Bargeld noch Reserven – zunächst noch nicht. Wäre die betreffende Bank sehr groß und würde sie zum Beispiel die Hälfte aller Kunden in einem Währungsgebiet auf sich vereinen, dann würden tatsächlich die Hälfte aller bargeldlosen Zahlungen durch simple interne Umbuchung von täglich fälligen Verbindlichkeiten dieser Bank gegenüber ihren Kunden erfolgen. So weit wäre das Werner'sche Beispiel zutreffend.        

In der wirklichen Welt gibt es solche Gigabanken nicht. Die große Mehrzahl bargeldloser Überweisungen beinhaltet Interbanken-Transfers. Und sobald ein Kunde Giroguthaben an Kunden bei anderen Banken überweist, benötigt die überweisende Bank Reserven (verfügbare Zentralbank-Guthaben), die in gleicher Höhe an die Empfängerbank überwiesen werden, die dem adressierten Kunden den Betrag per Girokonto gutschreibt (re-kreditiert). Mehr denn je gilt dies bei den heutigen elektronischen Zahlungssystemen, so genannten Real-Time Gross-Settlement Systemen wie Fedwire, CHIPS, CHAPS, TARGET2 oder CLS.[1] In allen diesen Zahlungssystemen werden die Zahlungen in Reserven geleistet.

Egal ob Clearing mit Abschlusszahlung oder sofortige Reservenüberweisung, ein 'Test', bei dem ein Kredit bereitgestellt aber das Giralgeld vom Kunden nicht benutzt wird, suggeriert etwas Unwirkliches. Per Girokonto ausgestellte Guthaben erlangen erst durch ihre Verwendung monetäre Wirklichkeit und Wirksamkeit. Von daher ist die Giralgeldschöpfung 'aus dem Nichts' eben nur eine Metapher, denn die Benutzung von Giralgeld im allgemeinen Zahlungsverkehr beinhaltet faktisch immer noch die Zirkulation einer fraktionalen Basis von Bargeld und Überschuss­reserven.

Die von Werner suggerierte absolute Unabhängigkeit der Giralgeldschöpfung der Banken gibt es nicht, jedenfalls noch nicht, auch wenn sich die Banken gegenüber ihren Zentralbanken heute schon ein großes Stück weit verselbständigt haben. Würde nun noch der Rest an Bargeld abgeschafft, ohne zugleich unbares Vollgeld der Zentralbank im Publikumsverkehr einzuführen, so käme das dem Werner'schen Modell zwar schon sehr nahe, aber die Abhängigkeit von den Reserven-basierten Zahlungssystemen bliebe immer noch bestehen.

Geldschöpfung 'aus dem Nichts' ist eine griffige Metapher zum Wesen modernen Zeichengeldes, das keinen Materialwert hat und weder durch andere Arten von Geld noch durch sonstige Vermögen 'gedeckt' ist. Das sollte aber nicht die Tatsache verdecken, dass die Geldschöpfung in einer bestimmten Währung sowie die Gewährleistung der Gültigkeit und der Kaufkraft des Geldes vielerlei Voraussetzungen hat, die eine Bank keinesfalls 'aus dem Nichts' erfüllen kann.

Man mag darüber heute freilich leicht hinweg sehen, da inzwischen faktisch die gesamte Geldschöpfung von der pro-aktiven und primären Giralgeldschöpfung der Banken bestimmt wird, während sich die Zentralbanken in die Rolle des reaktiven Allzeitfinanziers und letztinstanzlichen Schuldendealers der Banken haben drängen lassen, dies umso mehr in Banken- und Finanzkrisen, die unter den Bedingungen des Giralgeldregimes unvermeidlich immer wieder eintreten.

 

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Fußnote

[1] Fedwire = Federal Reserve Wire Network (USA; RTGS). CHIPS = Clearing House Interbank Payment System (USA; kombiniert Clearing mit Tagesabschlusszahlung). CHAPS = Clearing House Automated Payment System (UK; RTGS). TARGET2 = Trans-European Automated Real-Time Gross Settlement Express Transfer System (Euro/EZB). CLS = Continued Linked Settlement System, für internationale Zahlungen.

 

 

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Das nachfolgende Video On the Functioning of Fractional Reserve Banking wurde bei der 12. Jahreskonferenz des American Monetary Institute aufgenommen, Chicago, Okt 2016.