Circuitismus – Geldtheorie und Kreislaufmodell

Einleitung

Der Ausdruck Circuitismus dient hier als Übersetzung für frz École du Circuit, ital Circuitismo und engl Monetary Circuit Theory. Die betreffende, ursprünglich französische und italienische Literatur, behandelt zwei Themenbereiche.[1] Einer davon ist die Geldtheorie i.S.d. Funktionsweise des heutigen Geld- und Bankensystems. Das andere Thema betrifft ein spezielles Modell des Geldkreislaufs. Das Modell geht davon aus, dass Giralgeld im Bankensektor zur Kreditfinanzierung von Firmen geschaffen wird, wodurch Erwerbseinkommen zu den privaten Haushalten fließen, die durch deren Konsumausgaben wieder zu den Firmen, und von diesen in Tilgung der Kredite zurück zu den Banken fließen, wodurch das Geld gelöscht wird.

Der Circuitismus distanziert sich von der neoklassischen Geld- und Wirtschaftstheorie ebenso wie vom orthodoxen Keynesianismus. Dessen ungeachtet nimmt Graziani auf Keynes vielfach positiv Bezug (aber, wie er sagt, 'mehr auf die Abhandlung Treatise on Money, weniger auf die General Theory'[2]). Weitere Referenzen sind Kalecki und Repräsentanten des Postkeynesianismus (Moore, Minsky, Kregel, Davidson), ebenso frühere Beiträge schwedischer und deutscher Autoren wie Wicksell, Schumpeter und Hahn.

Meist wird der Circuitismus als postkeynesianische Theorie angesehen, oder als Ableger davon. Auf die Geldtheorie trifft dies zu. Das Kreislaufmodell dagegen, wie im zweiten Teil dieses Papiers erkennbar wird, stellt eher eine neue klassische oder neomarxistische Konstruktion dar. Ihr Gegenstand ist eine geldvermittelte Wirtschaft im Spannungsfeld von Kapital und Arbeit unter den Bedingungen eines Banken-Finanzkapitalismus. Die analytische Perspektive ist dabei eher angebots- als nachfrageökonomisch.

Unter Aspekten Neuer Currencytheorie, wie sie auf dieser Website verfolgt wird, besteht mit der Geldtheorie des Circuitismus zwar vielfach Übereinstimmung, aber bezüglich irreführender oder unausgeführter Aspekte ist ihr im einzelnen auch zu widersprechen. Was das Kreislaufmodell angeht, sieht es danach aus, als sei der 'Circuit' kaum mehr eine weitere übervereinfachte Modellkonstruktion.

Geldtheorie

In deskriptiver Hinsicht spiegelt die Geldtheorie des Circuitismus den Erkenntnisstand des Postkeynesianismus wider. Ein Kernpunkt auch im Circuitismus ist der Begriff der Endogenität des Kreditgeldes in Form von Giralgeld. Dies bedeutet, dass Bankenkredit Giralgeld erzeugt, während das Umgekehrte, Giralgeld würde dazu dienen, Bankenkredit zu finanzieren, nicht stimmt. Zutreffend ist es allenfalls für eigenständige Kapitalanlagefonds im Besitz von Banken. Investmentfonds sind jedoch nicht Giralgeld-erzeugende Banken, sondern Giralgeld-vermittelnde Finanzinstitute.[3] Modernes Kreditgeld ist reines Zeichengeld. Es repräsentiert Kaufkraft, besitzt keine Deckung durch andere monetäre Größen und bedarf einer solchen auch nicht.[4]

Der Circuitismus geht von einer monetarisierten und finanzialisierten Wirtschaft aus, im Unterschied zu den meisten neoklassischen Marktgleichgewichts-Theorien, die von einem bloßen Tauschhandel ausgehen, der mit 'exogenem' Geld wirtschaftet und sich nur durch rezyklierte Ersparnisse finanziert. Das Geld, mit dem Produktion und Handel vorfinanziert werden, entsteht jedoch als primäres Bankenkreditgeld. Dessen Existenz, so der Circuitismus, ändert die Struktur und Funktionsweise der Wirtschaft grundlegend. Dies widerspricht der klassischen und neoklassischen Vorstelllung der Neutralität des Geldes.

Graziani:  'Geld ist niemals neutral, ... ökonomisch ist es eine Quelle des Profits, gesellschaftlich eine Quelle der Macht.'  – 'Da der Zugang zu Geld bzw Kredit ein Schlüsselfaktor in der Lohnwirtschaft ist … nehmen die Banken eine privilegierte Stellung ein, die es ihnen erlaubt, sich einen Teil des Wirtschaftsprodukts anzueignen.' [5]

Nach Auffassung des Circuitismus werden moderne Wirtschaften von ihrem Geld- und Kreditwesen bestimmt. Das Beschäftigungs- und Einkommensniveau hänge nicht von den Preisrelationen ab, sondern von den Finanzierungsbedingungen, die von Banken und Firmen ausgehandelt werden, wobei die Banken am längeren Hebel sitzen. Dies rückt die circuitistische Sicht der 'Macht der Banken' in den Vordergrund, eine dominierende Stellung der Banken als Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft.[6]

An verschiedenen Stellen bringt Graziani zum Ausdruck, dass die Zentralbanken als die Kerninstitutionen des Geldsystems nicht mit 'dem Staat' bzw 'der Regierung' unter ein und denselben Wirtschaftssektor subsummiert werden dürfen, soll heißen, nicht dem öffentlichen Sektor, im Unterschied zum privaten Sektor und dem Außensektor. Würde man Regierung und Zentralbank zusammenwürfeln, erzeuge dies Konfusion bezüglich monetärer und fiskalischer Funktionen und führe zu unrealistischen Ideen über die Schöpfung und Zirkulation des Geldes.

Dem Circuitismus zufolge kommt der Regierung bei der Geldschöpfung heute keine Rolle zu, da 'das Geld vom Bankensystem geschaffen wird und nicht infolge von Regierungsdefiziten'.[7] Ob dem indirekt nicht doch so ist, bleibe dahingestellt. Hier geht es darum, dass Graziani auf eine Trennung von monetären und fiskalischen Funktionen abstellt, um nicht zu sagen eine Gewaltenteilung zwischen Regierung und Zentralbank als staatlichen Institutionen. Dies steht in Gegensatz zu Keynesianisch inspirierten saldenmechanischen Modellen des öffentlichen und privaten Sektors, und dem Postulat, Staatsschulden seien gleichbedeutend mit staatlicher Geldschöpfung. Das findet sich in der Saldenmechanik nach Godley/Lavoie und insbesondere in Auslegung der Saldenmechanik in der Modern Money Theory, einem weiteren Ableger des Postkeynesianismus.[8]

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Verkennung der Funktionsprobleme des Giralgeldregimes

Obwohl der Circuitismus die Macht der Banken herausstreicht und eine systemische Schlagseite zugunsten von Finanzeinkommen feststellt, gibt es im Circuitismus, wie auch sonst im Keynesianismus, keine Kritik der systemischen Stellung der Bankenindustrie als einer monetären Macht. Die meisten Autoren scheinen sich mit einer Beschreibung des Systems zu begnügen, ohne es kritisch zu bewerten. Selbst wenn sich in einige Textpassagen hineinlesen lässt, dass der Circuitismus für eine Begrenzung der Macht der Banken eintritt, so hat man meines Wissens dennoch keine Reformperspektive bezüglich des Geld- und Bankenwesens entwickelt.[9]

Noch bemerkenswerter ist es vom Standpunkt einer Neuen Currencylehre, dass der Circuitismus im fraktionalen Reservebanking kein Problem sieht. Die wiederkehrenden Banken- und Finanzkrisen werden in keiner Weise dem Giralgeldregime der Banken zugeschrieben. Dies ist heute nicht nur typisch für die standardisierte Lehrbuchökonomik, einschließlich des orthodox vereinnahmten Keynesianismus, sondern eben auch für die meisten Vertreter des heterodoxen Postkeynesianismus sowie für den Circuitismus und die Modern Money Theory. Von daher sind Fragen der Geldmenge und der BIP-überschießenden Kredit- und Giralgeldschöpfung der Banken für die meisten Ökonomen, gleich welcher Richtung, heute kein relevantes Thema – ein seltener Fall von Dethematisierung eines seit Jahrhunderten etablierten Topos: der Quantitätstheorie des Geldes. Speziell im Circuitismus liegt das auch an dessen Version der banking-theoretischen Real Bills Doktrin, wie weiter unten noch besprochen wird.

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Undeutlichkeit, ob die Zentralbank oder die Bankenindustrie die monetären Vorgaben setzt 

An verschiedenen Stellen bleibt Graziani, wie schon Keynes, im Unklaren darüber, ob die Geldschöpfung von den Banken oder der Zentralbank ausgeht. Bei Keynes und überhaupt in der Keynesianischen Denkwelt herrscht anscheinend die Meinung vor, die Zentralbank könne mittels Reservepositionen und Leitzinsen die Kreditgeldschöpfung der Banken wirksam lenken, zumindest beeinflussen. Graziani scheint sich sogar noch auf das Modell des Geld- und Kreditmultiplikators zu beziehen (im Postkeynesianismus inzwischen zu Recht überwiegend fallengelassen), wenn er sagt, der Circuitismus 'betont die Tatsache, dass das Kreditschöpfungspotenzial der Banken von der Geldbasis abhängt, von den verfügbaren Reserven'.[10]

Andererseits bekräftigt Graziani selbst die Fähigkeit der Banken zur proaktiven Kredit- und Giralgeldschöpfung. Er bezieht sich dabei auf eine Stelle in Keynes' Treatise on Money, wonach 'es keine Begrenzung der Giralgeldmenge gibt, die Banken risikolos erzeugen können, solange sie im Gleichschritt voranschreiten.' Und, so muss man hinzufügen, solange die Zentralbanken der Reserven- und Bargeldnachfrage der Banken jederzeit nachkommen.

Insgesamt bleibt der Circuitismus in der Frage, wer die Geldschöpfung und damit die Geldmenge bestimmt, ambivalent. Im Unterschied dazu besteht für die 'accomodationists' im Postkeynesianismus kein Zweifel daran, dass die bestimmende Initiative bei den Banken liegt, während die Zentralbanken die (nur fraktionale) Refinanzierungs-Nachfrage der Banken im nachhinein stets bedienen.[11] Im Ergebnis bestimmt die primäre Kredit- und Giralgeldschöpfung der Banken die gesamte Geldmenge. Dass die Giralgeldschöpfung der Banken ihrerseits auch von der Geldnachfrage von Firmen, Staat und Haushalten abhängt, ändert nichts daran, dass die Banken die zentralen Akteure im monetären 'Circuit' sind, indem sie selektiv entscheiden, ob, wieviel, wofür und für wen Primärkredit und damit Giralgeld erzeugt wird.    

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Zeichengeld, Papiergeld, Giralgeld

Eine andere Unklarheit bei Graziani kommt auf, wenn er sagt, eine Geldwirtschaft 'muss ein Zeichengeld benutzen, das heute Papiergeld ist.' – 'Heutzutage ist Geld Papiergeld, das durch Bankenkredit in Umlauf kommt'.[12]

Das ist missverständlich. Bankenkredit erzeugt Giralgeld, nicht Papiergeld. Verlangen die Bankkunden die Auszahlung eines Teils ihrer Guthaben in bar, so müssen die Banken dieses Geld über die Zentralbank beziehen, wobei das Münzmonopol bei den nationalen Finanzministerien, das Banknotenmonopol seit dem 19ten Jhd bei den nationalen Zentralbanken liegt. Im Unterschied zum Giralgeld müssen die Banken den Bezug von Bargeld zu 100%, nicht nur zum Bruchteil (fraktional) finanzieren.        

Zudem ist Graziani's 'heutzutage' heute lange her. Papiergeld kam in Europa etwa um 1700 in Gebrauch und wurde, je nach Land, nach 1800 bis zur Mitte des 20sten Jhds zu vorherrschenden Geldform. Während dieser ganzen Zeit jedoch existierte Papiergeld nicht in eigenem Recht und war von daher auch nicht konstitutiv für das Geldsystem (außer in den kurzen Perioden der Colonial Bills, Continental Dollars und Greenbacks in der Geschichte der USA).[13] Das Papiergeld – sei es als private oder staatliche Banknote – beruhte stets auf traditionaler Silber- oder Goldwährung, oder einer zentralen nationalen Golddeckung unter dem Goldstandard von 1844 bis 1971, und seither auf primärem Zentralbankkredit.     

An der Quelle ist modernes Geld heute unbares Geld – im Publikumsverkehr auf dem Girokonto eines Kunden bei einer Bank, im Interbankenverkehr auf dem Reservenkonto einer Bank bei der Zentralbank. Münzen und Banknoten, solange sie in Gebrauch sind, werden aus der originär unbaren Geldmenge ausgewechselt und wieder eingewechselt, ohne dabei die Geldmenge zu verändern.

Das gilt zurzeit auch noch für elektronisches Bargeld. Ob elektronisches Bargeld, mit dem Verschwinden von herkömmlichem Bargeld, zu einer weiteren privilegierten Domäne der Banken wird und diese sich damit von Zentralbanken und gesetzlichen Zahlungsmitteln endgültig loslösen, oder ob elektronisches Vollgeld als gesetzliches Zahlungsmittel dazu dient, die staatliche Geldhoheit wieder in ihr Recht zu setzen, das entscheidet sich heute im weiteren Verlauf der Zeitgeschichte.[14]

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Falsche Identifizierung von Zeichengeld und Kreditgeld (Giralgeld)

Ein wesentlicher Grund für die Verkennung der Funktionsprobleme des Giralgeldregimes (des fraktionalen Reservebanking) liegt anscheinend darin, dass die meisten ökonomischen Denkrichtungen, neoklassische ebenso wie solche Keynesianischer Herkunft, modernes Geld als Kreditgeld verstehen und sie dies für die natürlichste Sache der Welt halten – was es nicht ist. Nur an einer Stelle macht Graziani eine Unterscheidung zwischen Geld und Kredit, indem er feststellt, Geld müsse mehr sein als Kredit:    

'mehr als nur eine Ware, und mehr als ein bloßes Zahlungsversprechen; ... durch Geld als Zahlungsmittel muss eine Transaktion endgültig abgeschlossen werden, andernfalls wäre es ein Kredit und nicht Geld.' [15]

Die Feststellung, dass Kredit eine gegenseitige Zahlungsverpflichtung begründet, während die Übertragung von Geld als Zahlungsmittel eine Zahlungsverpflichtung erfüllt, bringt einen wichtigen Aspekt der Sache auf den Punkt und kann aus Sicht einer Currencylehre nur unterstrichen werden.   

Über diese Textstelle hinaus jedoch, und wie es im Postkeynesianismus und der Modern Money Theory üblich ist, fällt Graziani auf die Gleichsetzung von Geld und Kredit zurück, also auf die Identifizierung von Zeichengeld und Kreditgeld (Giralgeld), als einer angeblichen historischen Tatsache und  Notwendigkeit seit den archaischen Anfängen der Zivilisation. Damit werden über 2500 Jahre von Münzwährungen unterschlagen, in denen die Herrscher eines Hoheitsgebietes – der vormoderne Staat, wenn man so will – sich insbesondere auch die Geldhoheit sicherten und damit die originäre Seigniorage aus der Geldschöpfung (damals als sog. Schlagschatz, als Gewinn aus der Münzprägung). Neues Geld kam durch Ausgaben der Obrigkeit schuldenfrei in Umlauf. Das kann mit modernem Buchgeld und elektronischem Bargeld auf sinngemäß gleiche Weise ebenso getan werden. Kreditgeld ist Zeichengeld, aber modernes Zeichengeld muss nicht Kreditgeld sein.

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Die Rhetorik des endogenen und exogenen Geldes

Der Postkeynesianismus hat die Kategorien des endogenen und exogenen Geldes entwickelt und vertritt die Auffassung, dass modernes Geld als Kreditgeld endogenes Geld ist.[16] Dem kann man zustimmen, und doch ist es in bestimmter Hinsicht irreführend.

Die Unterscheidung geht auf eine Legendenbildung bei Adam Smith zurück, die in den 1870er Jahren von Carl Menger ausgebaut wurde (neoklassische Österreichische Schule). Demnach sei Geld in archaischem Tauschhandel und frühen Marktbildungen 'spontan' benutzt worden, zunächst als Warengeld (Vieh, Getreide, Salz, Silber), später als Münzgeld aus Silber, Kupfer und Gold, und in jüngerer Zeit auch als Kredit-emittiertes Papiergeld. Diese Erzählung diente zu Smith' und Menger's Zeiten dazu, weltliche oder religiöse Obrigkeiten aus dem angeblich 'spontanen' Tausch-  und Marktgeschehen zu entfernen.

Was man über archaische und traditionale Gesellschaften wirklich weiß, belegt überwiegend das Gegenteil. In den archaischen Anfängen wurde Geld als rechnerische Werteinheit entwickelt, um Forderungen und Verpflichtungen (Schulden, Tribute) zu dokumentieren und zu verrechnen. Dies fand statt in den erweiterten Haushalten der weltlichen und religiösen Herrscher und den daran gebundenen Lieferketten. Als viel später, vor 2.700 Jahren, Münzen in Gebrauch kamen, geschah dies von vornherein unter Kontrolle jener Obrigkeiten.[17]

Die Abfolge von > Warengeld > Münzgeld > Kredit-basiertes Papiergeld und elektronisches Geld  dürfte den Befunden entsprechen, nicht jedoch die Legende 'spontaner' Tauschprozesse und Marktentwicklung individueller Akteure, einschließlich der 'spontanen' Gelderzeugung durch diese. Tatsächlich entwickelte sich die Wirtschaft um die Fürstenhöfe und Tempel eines Herrschaftsgebietes herum und unter ihrer Kontrolle, einschließlich der Kontrolle über die Geld- und Finanzpraktiken in aufeinander folgenden Entwicklungsstadien.

Im Licht der historischen und heutigen Gegebenheiten sind es also nicht beliebige Wirtschaftsteilnehmer, die 'endogen' Kredit oder gar Zahlungsmittel ausstellen. Heute sind es längst nur noch Banken und (meist staatliche) Zentralbanken, die monetären Institutionen, die Geld erzeugen. (Die staatlichen Münzen belaufen sich inzwischen auf weniger als 1 Prozent der Geldmenge). Zwar existieren gemeinschaftliche Komplementärwährungen wie Regiogeld, oder spekulative Bitcoins und andere private Zahlungsmittel jenseits des Giralgelds der Banken. Sie dienen jedoch nicht als allgemeine reguläre Zahlungsmittel und sind, anders als das Giralgeld, nicht de facto staatlich anerkanntes Geld zusätzlich zu den gesetzlichen Zahlungsmitteln (Münzen, Banknoten, Zentralbankreserven). Auch Bezahlung in Naturalien, die Ausstellung von Wechseln und anderen Schuldverschreibungen, oder die Übertragung von Wertpapieren anstelle der Bezahlung mit Geld sind Spezialfälle und als solche Ausnahmen von der Regel. Mit der Entwicklung der von den Zentralbanken betriebenen elektronischen Zahlungssysteme stellt die Bezahlung mit offiziellem Geld mehr denn je die Regel dar.

Im späteren Mainstream der Neoklassik und des Keynesianismus wurde die Kategorienbildung 'Geld von außerhalb vs von innerhalb der Wirtschaft' dahingehend spezifiziert – man könnte auch sagen, re-interpretiert – die gesetzlichen Zahlungsmittel der Zentralbank als 'exogen' zu bezeichnen, während das Giralgeld der Banken als 'endogen' gilt. Das fand seinen Ausdruck im Modell des zweistufigen Bankensystems. Genauer gesagt handelt es sich um ein gesplittetes Geldsystem. Es besteht zum einen aus dem Publikumsverkehr mit dem Giralgeld der Banken, zum anderen der Interbanken-Zirkulation mit Zentralbankgeld (Reserven).

Dies bringt zugleich die Situation eines unvollständigen Chartalismus zum Ausdruck.[18] Dieser ist dadurch charakterisiert, dass es eine staatliche Währungseinheit gibt, aber staatliche und private Zahlungsmittel als parallele Zahlungsmittel umlaufen. Das private Banken-Giralgeld zirkuliert parallel zu den staatlichen Münzen und Banknoten. Das unbare Zentralbankgeld (Reserven) zirkuliert nur unter Banken, nicht im Publikumsverkehr, wobei das Giralgeld das Gesamtsystem immer umfassender dominiert und die gesetzlichen Zahlungsmittel schrittweise verdrängt. Diese Sachlage ist seit der Zwischenkriegszeit nicht mehr hinterfragt worden ist. Man diskutiert vielleicht darüber, ob die Geldmenge angebots- oder nachfrageseitig zustande kommt. Aber nur im Postkeynesianismus, Circuitismus und der Neuen Currency-Perspektive der heutigen Geldreformbewegung wurde die Frage aufgeworfen, wie weit die 'Macht der Banken' inzwischen das gesamte System dominiert und insbesondere die Geldmenge bestimmt.

Gleichwohl ist die postkeynesianische Begriffsbildung endogen vs exogen verfehlt. Banken und Zentralbanken schöpfen ihr Kreditgeld in gleicher Weise. Beide tun es auf Nachfrage hin, die Banken jedoch nach eigenen selektiven Angebotsvorgaben sowie auch in Eigengeschäften jenseits der Kundennachfrage. Die Zentralbanken dagegen liefern im Normalbetrieb so viel wie die Banken nachfragen. Wenn das Giralgeld der Banken Wirtschafts-endogen ist, so ist es das Zentralbankgeld ebenso. Bezeichnet man Zentralbankgeld als 'exogen', so muss man auch das Giralgeld so nennen.

Das Giralgeld der Banken als 'endogen' anzusehen, jedoch die gesetzlichen Zahlungsmittel der Zentralbank als 'exogen', ist schiere Willkür. Die Banken erscheinen damit als 'Insider' der Wirtschaft, während die Zentralbanken, ebenso wie die Regierungen, als fremde außenstehende Agenturen hingestellt werden. Diese willkürliche Etikettierung geht immer noch zurück auf die bourgeoise Idee der Marktwirtschaft als einer 'extraterritorialen' Robinsonade jenseits von Staat und Gesellschaft, einer Veranstaltung privaten Rechts, in der das öffentliche Recht bzw Staatsrecht nichts zu suchen habe. Bei aller berechtigter Kritik am Feudalstaat und Merkantilismus des 17ten bis 19ten Jahrhunderts, wurden dabei doch die grundlegenden und unverzichtbaren Gewährleistungsfunktionen des Staates in der modernen Gesellschaft, einschließlich der Geldordnung und der Gewährleistung bestimmter ökonomischer und finanzieller Gegebenheiten, nicht genügend verstanden – was oft genug auch heute noch der Fall ist.  

Von 'exogenem' Geld zu sprechen, würde nur Sinn machen, wenn eine bestimmte Geldmenge dem Wirtschaftsprozess irgendwie 'von außen' vorgegeben wäre, ohne sich im Prozess selbst gemäß Geldnachfrage und Geldangebot dynamisch zu ändern. Exogenes Geld in diesem Sinn existiert in der modernen Wirtschaft nicht. Wenn es jemals etwas gegeben hat, das dieser Vorstellung nahe kam, so waren es  traditionale Silber- und Goldwährungen sowie – konzeptionell, nicht in Wirklichkeit – das mit einem Goldhort gedeckte Papiergeld des alt-industriellen Goldstandards. Modernes Banken- und Zentralbankgeld entsteht immer endogen.

Eine Unterscheidung analog zu der von endogenem und exogenem Geld ist die zwischen inside money und outside money.[19] Der Unterschied zwischen beiden Terminologien liegt anscheinend darin, dass das 'outside money' hier als das zuverlässigere, insofern höherrangige Geld gilt, im Unterschied zum tendenziell unsicheren und krisenanfälligen 'inside money' der Banken. Denn hinter dem 'outside money' steht das förmlich unbegrenzte monetäre Potenzial der Zentralbank und die politisch-fiskalische Macht des Staates, während für das Giralgeld der Banken niemand bürgt – es sei denn, im Krisenfall, eben doch Zentralbanken und Regierungen.

Diese Spezifizierung ist gewiss zutreffend, aber dennoch reproduziert auch das Wortpaar 'inside/outside money' das ideologische Diktum, wonach die Banken die eigentlichen 'Insider' der Geld- und Finanzwirtschaft seien, während den Zentralbanken und Regierungen in völlig irrealer und irreführender Weise eine 'Außenseiter'-Rolle hingeschoben wird.

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Unvollständiges Bild der Giralgeldschöpfung                         

Das Bild der Giralgeldschöpfung ist im Circuitismus in zweifacher Hinsicht unvollständig. Zum einen besteht ein zu enger Fokus auf Bankenkredit i.S.v. Darlehen. Zum anderen fließen Darlehen im Kreislaufmodell des Circuitismus ausschließlich an Firmen. Dieser zweite Aspekt wird ab dem nächsten Kapitel behandelt.  

Was den ersten Aspekt angeht, wird im Modell des Circuitismus ausgeblendet, dass Banken nicht nur dann Giralgeld erzeugen, wenn sie Darlehen vergeben oder Überziehungskredit einräumen, sondern ebenso, wenn sie Wertpapiere oder Immobilien oder Güter kaufen (Gold, Energiepflanzen u.a. als Finanzinvestment), ja sogar, wenn sie Angestellte, Dienstleistungen, Ausstattungen und Betriebsmaterial bezahlen. Jede Zahlung einer Bank an eine Nichtbank erzeugt Giralgeld, jede Zahlung von Nichtbanken an Banken löscht Giralgeld.  

Graziani folgte diesbezüglich einer hergebrachten Auffassung: 'Eine Bank kann nicht Waren mit ihrem eigenen Kreditgeld kaufen (würde sie das tun, würde sie sich reale Güter und Dienste aneignen, ohne im Gegenzug dafür selbst solche Leistungen zu erbringen).'[20] Genau das aber tun Banken. Sie müssen es tatsächlich und können nicht anders, sofern sie Gehälter usw nicht in bar bezahlen, sondern Girokonten von Angestellten und Lieferanten 'kreditieren', indem sie Gutschriften für Girokonten von Adressaten vornehmen.

Wenn Banken umgekehrt Zahlungen von Nichtbanken auf eigenes Konto empfangen (nicht für Kunden), etwa den Erlös aus Wertpapierverkäufen oder Zins- und Gebühreneinnahmen, so erzeugt dies entsprechende Gutschriften auf den Ertragskonten der betreffenden Bank, während die gleichen Beträge bei den Banken der Zahler aus deren Girokonten ausgebucht, also gelöscht werden und damit aufhören zu existieren.

Wie viele Reserven hierbei letztlich einer betreffenden Bank zufließen, oder wie viele Reserven ihr im Ergebnis fehlen, hängt ab von der Gesamtheit der ausgehenden und eingehenden Zahlungen sowohl durch Eigentransaktionen als auch Kundentransaktionen der Bank. Aller Erfahrung nach wird die involvierte Reservenbasis so gut wie immer nur einen Bruchteil der Giralgeldumsätze ausmachen, umso mehr, je größer eine Bank ist (oder ein Verbund kleinerer Banken mit Verrechnungszentrale).

Graziani verunklart die Sachlage weiter, wenn er schreibt, dass

'Banken die Zinszahlungen von Firmen benötigen, um Gehälter für ihre Angestellten zu bezahlen, oder Güter zu kaufen, und um Habenzinsen auf Kundenguthaben zu bezahlen.'[21]

Zinszahlungen an eine Bank können von dieser Bank jedoch nicht dazu 'benutzt' werden, um selbst Zahlungen für etwas vorzunehmen. Gewiss werden Banken nach Möglichkeit darauf achten, dass Belastungen ihres Reservenkontos (ausgehende Zahlungen) nicht allzu sehr die Zugänge auf diesem Reservenkonto (eingehende Zahlungen) übersteigen, denn sonst entstünden kostspielige Liquiditätsengpässe. Es spielt für eine Bank jedoch keine Rolle, ob die Reserven, die sie (zum Bruchteil) benötigt, aus eigenen oder Kundentransaktionen kommen, und ob die Bank zum Zeitpunkt einer Zahlung genügend Reserven dafür verfügbar hat, oder sie diese bei Zahlung oder erst nachträglich bei der Zentralbank oder am Interbankenmarkt aufnimmt. Keinesfalls jedoch muss eine Bank erst Zinszahlungen empfangen haben, ehe sie selbst Zahlungen wofür auch immer vornehmen kann.

Es ist allerdings wichtig, zwei Arten von Transaktionen zu unterscheiden. Die eine Art von Transaktionen besteht in Käufen von Wertpapieren, Devisen, Derivaten, Immobilien, Gold, oder langlebigen Ausstattungen. Die andere Art von Transaktionen sind Ausgaben für Gehälter, Boni, Dienste und Betriebsmittel. Der Unterschied zwischen beiden besteht darin, dass erstere (Wertpapiere usw) als Aktivum in die Bilanz eingehen, während die letzteren (Gehälter usw) lediglich als Ausgaben à fonds perdu in die Gewinn- und Verlustrechnung eingehen und damit das Eigenkapital der Bank belasten, ohne dass dem ein Aktivposten gegenüber stünde. Der letztliche Gewinn oder Verlust einer Bank, das heißt ein Überschuss oder Defizit auf dem Kapitalkonto, hängt sowohl von ihren Erträgen und Ausgaben ab als auch von bilanzwirksamen Wertzuwächsen oder Wertminderungen ihrer Aktiva.  

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Das Geldkreislaufmodell des Circuitismus

Das Geldkreislaufmodell des Circuitismus besteht aus einer Abfolge von vier Schritten: Banken geben Firmen Kredit > die Firmen bezahlen ihre Lohnempfänger > die Lohnempfänger kaufen was die Firmen produzieren > die Firmen zahlen die Kredite an die Banken zurück.[22] Laut Graziani 'versucht die Theorie des Circuitismus den gesamten Lebenszyklus des Geldes zu betrachten, angefangen bei der Geldschöpfung durch Bankenkredit bis zur Zerstörung des Geldes, wenn die Kredite zurückbezahlt werden'.[23]

Tatsächlich aber wird das circuitistische Modell dem Anspruch, 'den gesamten Lebenszyklus' des Geldes abzubilden, nicht gerecht. Es unterscheidet – über die Banken-Firmen-Beziehung hinaus – nicht zwischen real- und finanzwirtschaftlichen Transaktionen und ignoriert nicht-BIP-wirksame Finanztransaktionen; es unterscheidet nicht zwischen Banken und Finanzintermediären; es reproduziert ein altindustrielles Verständnis von Kapital und Arbeit; es reproduziert das altindustrielle Konzept von Produktion und Konsum; es blendet die Außenwirtschaft aus; ebenso die grundlegende ökonomische Rolle des Staates; es reproduziert dabei die vereinseitigte klassisch/neoklassische Vorstellung der 'primären' Allokation und Verteilung durch die Privatwirtschaft und der 'sekundären' Umverteilung durch den Staat. 

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Altindustrieller Begriff von Kapital und Arbeit   

Zunächst blendet das Modell Zahlungen von Firmen untereinander aus. Als Grund wird angegeben, das betreffe den Handel innerhalb des Firmen-'Sektors', bei dem Einnahmen und Ausgaben einander aufheben. Das Modell sieht also Banken, Firmen und Lohnempfänger als die drei Sektoren der Wirtschaft an, methodisch in Analogie zur Keynesianischen Saldenmechanik (die aber andere Sektoren unterscheidet, nämlich einen öffentlichen, privaten und Außen-Sektor). Entsprechend den drei Sektoren des circuitistischen Modells 'verteilt sich das Wirtschaftsprodukt auf Löhne, Industrieprofite und Finanzprofite'.[24]

Der Circuitismus definiert die Wirtschaft als eine Lohnwirtschaft. Nicht nur in dieser Hinsicht erinnert das Modell an das Arbeitsteilungs-Konzept des 19 Jhds (Vorläufer der heutigen Lebenszyklus- und Ketten-Analysen) und insbesondere an die damaligen Arbeitswertlehren. Diesen zufolge kann jeglicher produzierte Mehrwert auf den Faktor Arbeit zurück geführt werden bzw auf die bezahlten Arbeitslöhne. Im Marxismus beinhaltet dies auch die den Arbeitern vorenthaltenen Löhne, die kapitalistische Unternehmer und Bankiers sich aneignen.

Unter diesen Aspekten reproduziert das circuitistische Modell die altindustrielle Logik von Kapital und Arbeit. Gewiss liegt darin weiterhin eine wichtige Komponente, und doch ist diese Logik immer mehr zu einer Übervereinfachung geworden, welche die tatsächlichen Verhältnisse nicht in angemessen differenzierter Weise erfasst. Zum Beispiel sollte das Arbeitseinkommen nicht auf abhängige Arbeitslöhne reduziert werden, ebenso wie die Einkommen von Freiberuflern und kleinen und mittleren Selbständigen nicht mit 'Kapitaleinkünften' in einen Topf geworfen werden sollten.

Real- und finanzwirtschaftliche Kapitalanlagen sind von grundlegender Bedeutung, wie der Circuitismus mit seiner Definition von Geldwirtschaft selbst feststellt. Daher ist es verfehlt, Einkünften aus real- und finanzwirtschaftlichen Kapitalanlagen per se einen negativen Beigeschmack zu geben. Selbst wenn es auf untere soziale Schichten nicht zutrifft, so sind viele abhängig Beschäftigte, in mehr oder minder bescheidenem Maße, heute doch zugleich auch Besitzer von Ersparnissen und anderen Geldanlagen, und damit Bezieher von Kapitaleinkünften. Nicht zuletzt umfasst die nicht-erwerbstätige Bevölkerung in der heute schon erheblich individualisierten Gesellschaft ungefähr die Hälfte der Bevölkerung. Diese Hälfte muss mit Geld versorgt werden, kann aber nicht länger einfach nur als Familienanhang der Bezieher von Lohn- und Kapitaleinkommen behandelt werden.

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Banken und Finanzintermediäre

Im Circuitismus – und nicht nur dort – wird der Begriff 'Bank' des öfteren missverständlich verwendet. An manchen Stellen wird zutreffend auf Banken Bezug genommen i.S.v. kommerziellen monetären Instituten, die Primärkredit bzw Giralgeld erzeugen, sich ggf bei der Zentralbank refinanzieren, und an das elektronische Zahlungssystem der Zentralbank angeschlossen sind. An anderen Stellen jedoch wird der Ausdruck 'Bank' auch für reine Finanzintermediäre benutzt, also für Nichtbanken wie Kapitalanlagefonds und Versicherungen. Diese sammeln bereits existierendes Giralgeld ein (daher der Ausdruck Kapitalsammel-stelle) und legen es in verschiedenen Formen an Finanzmärkten an, teils auch realwirtschaftlich in Bauprojekten oder Infrastruktur-finanzierung. Manchmal wird 'Bank' als Überbegriff für beide Arten von Finanzunternehmen benutzt.

Der Unterschied zwischen Banken und Finanzintermediären besteht darin, dass nur die Banken monetäre Institute sind, also solche, die Geld erzeugen und löschen und dabei nicht vorhandenes Giralgeld verleihen oder investieren. Die Finanzintermediäre dagegen können nicht Giralgeld erzeugen, sie sind keine monetären Institute. Ihr Geschäft beruht allein darauf, als Geld- und Vermögensmanager zu fungieren.

Dieser Unterschied ist bedeutsam. Werden Darlehen oder Anleihen an Finanzintermediäre zurückgezahlt, so wird das betreffende Giralgeld nicht gelöscht, sondern zirkuliert weiter. Daneben fahren die Banken damit fort, zusätzliches Giralgeld zu schaffen, soweit dies ihren Geschäftsinteressen entspricht. Über die Jahre kann dies problematische Folgen nach sich ziehen, worauf am Ende dieses Papiers noch eingegangen wird.   

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Die Real Bills Doktrin des Circuitismus. Geldschöpfung für
BIP-wirksame und nicht BIP-wirksame Finanzierungen

Das circuitistische Kreislaufmodell impliziert eine eigene Version der Real Bills Doktrin. Diese steht für eine zentrale Position der Banking School in ihrer historischen Kontroverse mit der Currency School. Die Doktrin besagt, Banken würden stets eine optimale Geldmenge erzeugen, weder ein inflationäres Überangebot, noch ein deflationär verknapptes Angebot, und sie würden sich dabei auf der sicheren Seite bewegen, solange sie Kredit nur gegen 'real bills' ausstellen, soll heißen gegen Wechsel oder andere Sicherheiten und Bürgschaften, die von angesehenen solventen Adressen stammen. Außerdem sollten Banken möglichst kurzfristig, nicht langfristig kreditieren.

Angesichts der Wirklichkeit von Bankengeschäften sind diese Annahmen freilich Schönfärberei, einschließlich einer nicht unerheblichen Wissensanmaßung. Wie sich in der Praxis erweist, haben Banken und Firmen oft genug nicht genug gewusst. Oder die Dinge nehmen eine unvorhergesehene Wendung, sodass sich die ursprünglichen Erwartungen an Projekte und 'real bills' als unrealistisch erweisen. Hinzu kommt, dass viele Bänker, Investoren und Abenteurer in den aufsteigenden und heißen Phasen von Konjunktur- und Finanzzyklen es anscheinend nicht lassen können, die Einsätze durch zusätzlichen Kredit aufzuhebeln.   

Derlei Marktdynamik und Risikoverhalten sind im Circuitismus kein Thema. Stattdessen wird im circuitistischen Modell unterstellt, Bankenkredit diene ausschließlich der Finanzierung von realwirtschaftlichen Firmenausgaben. Unter diesem Aspekt ist das circuitistische Verständnis von Finanzkapitalismus unterentwickelt. Insbesondere wird der Unterschied zwischen BIP-wirksamen und nicht BIP-wirksamen Finanzgeschäften nicht thematisiert – auch das ein Fehler, der gewiss nicht nur den Circuitismus kennzeichnet. Das Wachstum des Investmentbanking und nicht BIP-wirksamer Finanzgeschäfte verlief seit den 1980er Jahren stark überproportional zum BIP-Wachstum. Es existierte freilich auch schon in den Anfängen des Circuitismus.

Das circuitistische Kreislaufmodell unterstellt, Firmen und Banken würden Geschäftsaussichten richtig beurteilen, einschließlich der künftigen Nachfrage sowie der künftigen Entwicklung der Preise, der Arbeitskräfte usw. Firmen wüssten angeblich, wieviel Geld sie für geplante Vorhaben brauchen werden, und sie würden die Kreditkonditionen zusammen mit den Banken aushandeln. Der Geld- und Kapitalnachfrage der Firmen wird also unterstellt, sie beruhe auf 'realen' Annahmen und Erwartungen, und Banken würden nicht allzu viel riskieren, wenn sie der Firmennachfrage nachkommen – in der Tat eine Version der Real Bills Doktrin, zumal die Bankenindustrie in den zurückliegenden Jahrzehnten Kredit überwiegend nicht für realwirtschaftlich tätige Firmen, sondern für Finanzgeschäfte bereitgestellt hat, im besonderen zur Finanzierung von Immobilienblasen und Staatsanleiheblasen weit jenseits vernünftiger Verschuldungsniveaus. 

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Gibt es in der Zirkulation des Geldes eine notwendige Sequenz?

Das circuitistische Modell postuliert eine bestimmte Sequenz in der Zirkulation des Geldes. Eine solche Sequenz zu bestimmen, als Alternative zu klassischen und neoklassischen Positionen, gehörte zu Keynes' Forschungsdesiderata. Zu älteren solchen Modellen gehört zum Beispiel die Unterscheidung zwischen Produktionsgüter- und Konsumgüter-Industrien (Abteilungen I und II bei Marx), ebenso das fünf- bis siebenstufige Produktionsmodell, das der Kapitaltheorie der Österreichischen Schule zugrunde liegt.[25]

Das Kernstück des circuitistischen Modells ist Bankenkredit an Firmen.

Fontana: 'Geld … ist im wesentlichen der Fluss von Giralgeld, das von den Firmen nachgefragt wird, um die Produktion von Gütern und Diensten zu finanzieren'.[26]

Graziani:  'Verhandlungen zwischen Banken und Firmen am Geldmarkt bestimmen das erzeugte Kreditvolumen und den Zinssatz, den Firmen zu zahlen haben. … Das Modell besagt 'zuerst der Geldmarkt, danach der Arbeitsmarkt', wobei der Geldmarkt die Bedingungen für den Arbeitsmarkt setzt. ... Die gesamte Geldmenge besteht aus Schulden der Firmen bei den Banken, und stellt einen Kredit der Lohnempfänger an eben diese Banken dar'.[27]  

Kredit an andere Akteursgruppen, etwa Konsumkredit, Hypotheken, Staatsanleihen, wird im Circuitismus nicht behandelt, so als sei der 'circuit' zwischen Kapital und Arbeit, also zwischen finanzierenden Banken und produzierenden Firmen einerseits und konsumierenden Lohnempfängern andererseits, das Gravitationszentrum, das alles andere bestimmt.

Das ist allzu reduktionistisch. Das circuitistische Modell entspricht nicht dem tatsächlichen Muster der heutigen Kredit- und Giralgeldschöpfung. Der 'circuit' zwischen Kapital und Arbeit ist nur eine Komponente im Gesamtbild. Etwa 60% der Bankenfinanzierung fließt in Hypotheken und Immobiliengeschäfte. Der Rest verteilt sich auf Staatsanleihen und andere Kredite an öffentliche Haushalte, Studiendarlehen (in den USA), Verbraucherkredit (Kontoüberziehung, Autokauf, Kreditkarten u.a.) sowie Kredite an Firmen.[28] Diese sind natürlich Bestandteil des Bankengeschäfts, aber sie sind in keiner Weise vorherrschend, und sie gehen, wenn, eher an kleine und mittlere Firmen als an Großunternehmen. Letztere finanzieren sich durch Banken nur noch zum geringeren Teil. Sie besorgen sich ihre Mittel am sekundären Kredit- bzw Kapitalmarkt, wo bereits vorhandenes Giralgeld zirkuliert, zum Beispiel, indem sie Unternehmensanleihen begeben oder Geld von Investmentfonds aufnehmen. Auch betreiben immer mehr Großkonzerne eigene Banken (was eine fragwürdige Entwicklung ist im Hinblick auf die Trennung von monetären, fiskalischen, finanz- und realwirtschaftlichen Funktionen).  

Außerdem wurde die Bankenindustrie zuletzt stark vom Investmentbanking geprägt, das mit der Unternehmens-Finanzierung eher wenig zu tun hat, es sei denn bzgl Fusionen, Übernahmen und Teilübernahmen durch Kapitalbeteiligungen. Die liquide Giralgeldmenge (M1 in Europa) wuchs in den zurückliegenden Jahrzehnten um ein Mehrfaches des nominalen BIP (des Wirtschaftsprodukts zu Marktpreisen, in denen die laufende Inflation enthalten ist). Dies bedeutet, dass der Löwenanteil neu geschöpften Geldes in nicht BIP-wirksame Finanztransaktionen geflossen ist, in bloßes Portfolio-Trading und diverse Wettspiele im globalen Kasino.

Das überproportionale Wachstum dieser Finanzgeschäfte erzeugt Blasen (Asset Inflation) und Banken- und Finanzkrisen, sodass selbst Hypotheken und Staatsanleihen, die normalerweise als konservative Anlagen gelten, zu hochriskanten Engagements werden können. In den 15 Jahren vor Einsetzen der Krise in Deutschland um 2008 kam nur ein Achtel des Geldmengenzuwachses realem Wachstum, also realen Einkommenssteigerungen zugute. Genauso viel, ein weiteres Achtel, schlug sich in Inflation nieder. Aber drei Viertel flossen in die Aufblähung der Finanzwirtschaft.[29]         

Nach klassischer und neoklassischer Auffassung soll Kredit zuerst in reale Kapitalausgaben fließen, insbesondere in private Unternehmens-Investitionen, nicht jedoch in Konsum und ebenso wenig in Staatsausgaben, denn diesen beiden wird unterstellt, sie würden Inflation hervorrufen. In den Anfängen der Industrialisierung, als die produktiven Kapazitäten noch gering entwickelt waren und die potenzielle Konsumnachfrage zum größten Teil noch unbefriedigt war, machte die Vorstellung 'zuerst produktive Investitionen, Konsum erst danach' einen gewissen Sinn. Im 20 Jhd prägte das auch die kommunistische Zentralplanwirtschaft.

Seit den 1930er Jahren entwickelte sich mit staatlichen Ausgabenprogrammen, insbesondere dem Keynesianisch inspirierten Deficit Spending nach dem Zweiten Weltkrieg, eine ergänzende Alternative zur klassischen Auffassung. Bei einem strukturell verfestigten Mangel an effektiver Nachfrage wurde Staatsausgaben und auch erhöhten Löhnen eine positive Wirkung zugeschrieben, denn diese beugen einer deflationären Depression vor und bergen so lange kein Inflationspotenzial, solange noch eine Unterauslastung der Kapazitäten besteht.

Echte Inflationsgefahren sind seit den 1970er Jahren ohnehin deutlich zurück gegangen. Die technischen Kapazitäten sind heute viel produktiver und durch globale Märkte vernetzt. Dies bedeutet, dass sich Angebots-Nachfrage-Ketten flexibel anpassen. Zusätzliche Nachfrage nach Gütern und Diensten erzeugt rasch ein zusätzliches Angebot und insofern keine Inflation. Das gilt umso mehr, solange das Kostenniveau in neuen Industrieländern und Entwicklungsländern noch erheblich niedriger liegt als in fortgeschritteneren Industrieländern.

Damit soll nicht der Missbrauch keynesianischer Nachfragepolitik gerechtfertigt werden, durch den permanentes staatliches Deficit Spending, faktisch losgelöst von der Wirtschaftslage, zu einer schlechten politischen Gewohnheit geworden ist. Das hat nur zu problematischen Staatsquoten und sehr hoher Staats-verschuldung geführt. Auch hat der Staatsinterventionismus in mancher Hinsicht strukturelle Probleme der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes eher verfestigt als zu ihrer Überwindung beizutragen.

Der Circuitismus thematisiert solche Fragen nicht. Die enge Fokussierung auf 'Banken finanzieren Firmen' folgt einem Denkmuster, das für klassische, marxistische und neoklassische Ökonomen bis in die 1920er Jahre typisch war, einschließlich R. Hilferding and R. Luxemburg mit ihrem Konzept des Finanzkapitalismus als Bankenkapitalismus. In den hundert Jahren seither haben sich die Arena der Akteure und die Komplexität der Real- und Finanzwirtschaft erheblich weiterentwickelt. Geld- und Finanzangelegenheiten zu sehr auf Industrie- und Handelsunternehmen zu beziehen, stellt eine altindustrielle Sicht auf die Dinge dar, die von um 1800 bis in längstens in die 1960er Jahre eine gewisse Berechtigung gehabt haben mag. Eine Konsequenz dessen war, dass der altindustrielle Sozialstaat zu eng um das Verhältnis von Kapital und Arbeit herum konstruiert wurde. Mit der Zeit ist dies zu noch einem Fiskal- und Finanzmarktproblem geworden, ohne dass betreffende sozialpolitische Probleme auf Dauer gelöst worden wären. 

Ein positiver Aspekt der circuitistischen Kreislauftheorie ist, dass sie die klassische Fixierung auf privatunternehmerische industrielle Investitionen fallen lässt zugunsten einer Bezugnahme auf 'die monetären Kosten der Bereitstellung von Gütern und Diensten insgesamt', also auf Unternehmensausgaben im weitesten Sinn des Wortes, einschließlich der Lohnkosten.[30]

Freilich stehen dabei immer noch die Firmen für die Produktion eines Konsumangebots, und die Lohnempfänger für die effektive Nachfrage, welche die Konsumgüter und konsumtiven Dienstleistungen absorbiert. Auch das ist nur ein Aspekt des Gesamtbildes. Er reproduziert die Vorstellung der Wirtschaft als einer linearen vertikalen Wertschöpfungskette, die auf den 'Endverbrauch' der Konsumenten ausgerichtet ist. Das spiegelt sich in der heutigen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ebenso wider wie im Kreislaufmodell des Circuitismus: Banken finanzieren Produktion der Firmen > Firmen produzieren und bezahlen dabei Löhne > die Lohnempfänger kaufen als Konsumenten die  Produkte der Firmen > mit den Einnahmen der Lohnkonsumenten zahlen die Firmen Zins und Tilgung an die Banken. Das mag handlich sein, und bekanntermaßen hat auch Henry Ford vor hundert Jahren so gedacht. Der vielschichtigen Wirklichkeit der heutigen Realwirtschaft wird es nicht gerecht, noch weniger der Finanzwirtschaft und dem tatsächlichen Gesamtbild der Zirkulation des Geldes.              

Nimmt man die Zirkulationsperspektiven zusammen, wie sie in verschiedenen Ansätzen enthalten sind – Angebots- und Nachfragepolitiken, von Firmen und privaten ebenso wie von öffentlichen Haushalten, Lebenszyklus- und Ketten-analytische Konzepte, die Willkür der Klassifizierung von Stufen darin als 'investiv/produktiv' oder 'konsumtiv', schließlich BIP-wirksame und nicht BIP-wirksame Finanzierungen – so entsteht doch ein erheblich komplexeres Verständnis dessen, was die Geldzirkulation alles umfasst.

Hieraus ergibt sich, dass es in der Zirkulation des Geldes nicht eine zentrale Sequenz gibt bzw geben müsse. Stattdessen kann es eine Mehrzahl von Wegen geben, auf denen das Geld in Umlauf kommt, und viele Wege, auf denen es zirkuliert. Es gibt keine unbedingt erforderliche Sequenz in der Zirkulation des Geldes. Diesbezügliche doktrinäre Lehrsätze kann man getrost fallen lassen. Wichtig ist, dass das Geld für BIP-wirksame Zwecke jederzeit und in ausreichender Menge dorthin gelangen kann, wo Finanzinstitute, Firmen, öffentliche und private Haushalte es benötigen.

Die hier vorgebrachte Kritik am circuitistischen Modell ist sicherlich relativ. Auch als 'altmodisches' Modell behält es im Kern eine Wahrheit und ist insofern allemal angemessener als zum Beispiel die postkeynesianische Saldenmechanik, die ihr sektorales Buchhaltungsmodell der Wirtschaft mit einer Analyse der monetären und finanziellen Systemdynamik verwechselt.

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Klassischer Bias bzgl der 'sekundären' Wirtschaftsposition des Staates

Das circuitistische Modell reproduziert die hergebrachte Auffassung, wonach die Mittelallokation durch private Unternehmen stattfindet bzw stattzufinden habe, einschließlich der Primärverteilung zwischen Kapital und Arbeit, und der nachfolgenden staatlichen Sekundärverteilung durch Steuern und öffentliche Sozialversicherung.[31] Diese Vorstellung ist bis heute kaum hinterfragt worden, und sie liegt nicht nur dem Circuitismus, sondern den meisten ökonomischen Modellen so oder so ähnlich zugrunde. Solche Modelle beginnen meist mit einer Version ohne den Staat und ohne Außenwirtschaft, und schreiten dann zu weniger vereinfachten Versionen mit Staat und ggf mit Außenwirtschaft fort. Was dabei gleichwohl bleibt, ist die Kodierung der privaten 'ökonomischen Basis' als primär/produktiv/unternehmerisch/wettbewerbsfähig, und die des 'staatlichen Überbaus' als sekundär/unproduktiv/bürokratisch/machtbestimmt/monopolistisch oder derlei mehr.

Auch in dieser Hinsicht besteht in Wirklichkeit ein recht gemischtes Bild, und zwar auf beiden Seiten. Die heutigen Industrie- und Finanzkorporationen des 'privaten' Sektors sind hochgradig bürokratisiert. Viele Märkte – nicht nur Arbeitsmärkte, sondern auch Güter-, Dienstleistungs- und Finanzmärkte – weisen eine Oligopolstruktur auf und sind vermachtet. Die Faktorenallokation der Unternehmen ist häufig genug nicht optimal.  

Bezüglich des Verhältnisses von öffentlichem und privatem Sektor kann man im laufenden Wirtschaftskreislauf nicht klar sagen, was da 'primär' Huhn und was 'sekundär' Ei ist. In Anbetracht dessen, dass öffentliche Ausgaben je nach Land 35–60% des BIP repräsentieren, und ein erheblicher Teil zusätzlich geschöpften Geldes als Kredit an öffentliche Körperschaften in Umlauf kommt (staatliche  Schuldenaufnahme), ist der ökonomische Status des Staates alles andere als sekundär.

Entsprechend den tatsächlichen wie auch historischen Gegebenheiten stellt der Staat die institutionelle, rechtliche und infrastrukturelle Basis für die gesamte Wirtschaft dar, die ihrerseits aus privaten und öffentlichen Einrichtungen besteht, sodass der Staat, wenn schon, doch eher als 'Basis' denn als 'Überbau' zu betrachten wäre (was hier aber nicht vertreten wird). Marx und Engels' Utopie vom 'Entschwinden des Staates' im Kommunismus war insofern reichlich grotesk (aber ein verbreitetes Element der Sozialromantik in der ersten Hälfte des 19 Jhds, zunächst vor allem im Liberalismus, danach auch im Anarchismus und Kommunismus jener Zeit).                   

Ebenso wie private Kapitalausgaben so sind auch Staatsausgaben häufig suboptimal. Nur wird es beim Staat meist bekannt, in der Privatwirtschaft nicht, unter anderem deshalb, weil es öffentliche Rechnungshöfe gibt, während die Innenrevision von Unternehmen als Betriebsgeheimnis behandelt wird. Private Kapitalausgaben per se als 'produktiv' zu etikettieren und Staatsausgaben per se als 'unproduktiv', ist ideologischer Unfug. Staatsausgaben speisen die Massenkaufkraft in wirksamerer Weise als Kapitalausgaben es von sich aus tun. Der Staat erfüllt notwendige administrative und rechtliche Funktionen, auch und gerade für die Wirtschaft. Der Staat gewährleistet Infrastrukturen und eine breites Angebot von öffentlichen Dienstleistungen, nicht zuletzt in Gesundheit und Bildung, den beiden größten Wirtschaftsektoren überhaupt. Wieviel davon als konsumtiv oder investiv zu klassifizieren ist, und wieviel der 'Produktion' oder 'Reproduktion' des Humankapitals dient, sind ambivalente und müßige Fragen, vergleichbar den gescheiterten Arbeitswerttheorien des 19  Jhds über produktive und unproduktive Arbeit.

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Im Kreislauf verloren

Das Modell des Circuitismus wirft noch eine andere alte Frage auf, und zwar den 'Verlust' einer gewissen Menge umlaufenden Geldes dadurch, dass Geldbesitzer einen Teil ihres Geldes zurückbehalten statt es auszugeben oder für Ausgaben anderer zu verleihen.    

Graziani: 'Wenn Lohnempfänger einen Teil ihrer Ersparnisse in Form von liquiden Guthaben halten, … fließt an die Firmen weniger Geld zurück als sie ausgegeben haben. … Im Circuit ist ein Verlust eingetreten'.[32]

Fontana: 'Circuitisten haben dargelegt, dass eine Zunahme von Geld, das Lohnempfänger zurückbehalten, dasselbe bedeutet wie ein Verlust an Liquidität, und in der Folge eine höhere Verschuldung der Firmen bei den Banken'.[33]

Im Prinzip stimmt das, erinnert aber doch an den Begriff des Hortens von Geld in einer traditionalen Wirtschaft mit Metallgeldwährungen. In der Tat benutzt Graziani den Ausdruck 'Geld horten' für jenen Teil der 'Ersparnisse', die nicht am sekundären Kreditmarkt verliehen werden.[34] Das Thema wurde bei Keynes unter dem Begriff der Liquiditätspräferenz mit behandelt.

Vieles was hier relevant ist, hat freilich eher mit Liquiditäts-vermeidung als Liquiditätshortung zu tun. Banken zum Beispiel vermeiden es, mehr Liquidität zu halten als nötig ist, um die laufenden Zahlungen abzuwickeln. Bezüglich der Banken lautet die Frage, ob sie bereit sind, Kredit einzuräumen und damit Liquidität in Form von Giralgeld zu erzeugen, vorausgesetzt es gibt überhaupt eine entsprechende kreditwürdige Nachfrage nach Finanzierung. Die Vermeidung unnötiger liquider Positionen gilt in ähnlicher Weise auch für Finanzintermediäre, realökonomische Firmen und öffentliche Haushalte.  

Private Haushalte horten ebenfalls keine großen Mengen Bargeld unter der Matratze, und brach liegende Giroguthaben gibt es ebenfalls nicht in erheblicher Menge, eher schon Kontoüberziehungen. Geld, das Haushalte aktuell nicht benötigen, wird meist auf einem Spar- oder Terminkonto, also in M2/M3, oder anderweitig angelegt (10–20% der laufenden Einkommen in altindustriellen Ländern).

M2/M3-Positionen – und das ist hinsichtlich der These eines momentanen Liquiditätsverlustes im Geldkreislauf nun in der Tat relevant – sind nicht verfügbar, obschon sie auf Frist von Wochen oder Monaten liquidiert werden können (was aber unterm Strich von Auflösungen und Neueinlagen nicht geschieht. Soweit es M2/M3-Positionen gibt, die jederzeit liquidierbar sind, handelt es sich um fehlklassifizierte Positionen, die eigentlich zu M1 gehören). M2/M3-Positionen verringern die liquide Geldmenge M1. Denn die Guthaben in M2/M3 dienen nicht dazu, wie fälschlich meist angenommen wird, Darlehen oder Investitionen zu finanzieren. Vielmehr handelt es sich bei Guthaben auf Spar- und Terminkonten einer Bank um inaktiviertes, auf Frist stillgelegtes, also nicht-zirkulierendes Giralgeld.      

Es wäre dennoch verfehlt, M2/M3-Guthaben als 'gehortetes Geld' aufzufassen. Vielmehr sollte man darin einen Teil des Eigenkapitals der Haushalte sehen, von Vorteil für die gesamte Wirtschaft zumal in einer Lebenszeit- oder anderen Langfrist-Perspektive. Bei endogenem Geld kann der Bankensektor – oder wer sonst das privilegierte Vorrecht der Geldschöpfung ausübt – jede eventuelle Lücke in M1 schließen.

Zweifellos zeigen die meisten Menschen eine Liquiditäts-präferenz. Das führt zum Beispiel zu einem Bedarf an Fristentransformation bzw an geduldeter Fristeninkongruenz zwischen den Forderungen und Verbindlichkeiten einer Bank. Darüber hinaus ist Liquiditätspräferenz ein prozyklisches Verhalten. Es nimmt im Rhythmus von Konjunktur- und Finanzzyklen zu oder ab. Jedoch ist die Liquiditätspräferenz selbst nicht Ursache von Zyklen oder Krisen. Sollte im Sinne des Circuitismus wirklich die Situation eintreten, dass die Nachfrage nach Gütern und Diensten das Angebot der Firmen nicht absorbiert, hat das nicht unbedingt etwas mit Liquiditätspräferenz oder Liquiditätsknappheit zu tun. Zudem muss man nicht gleich ein Problem darin sehen, wenn Firmen zusätzlich Geld aufnehmen, um ihre laufenden Aktivitäten zu finanzieren. Der zentrale Stellenwert, welcher der Liquiditätspräferenz in Keynesianischen und Postkeynesianischen Theorien eingeräumt wird, ist überzogen.

Als Alternative zu M2/M3-Anlagen können Ersparnisse, Rückstellungen und Rücklagen auch in Anleihen, Aktien, Fonds oder anders investiert werden. Dies stellt Sekundärkredit dar, der weiter in M1 zirkuliert, also nicht 'verloren' geht. Die berechtigte Frage ist dennoch, ob das Geld der Realwirtschaft verloren geht. Das sekundär verliehene oder investierte Giralgeld kann dazu dienen, realökonomische Kapital-, Verbraucher- oder Staatsausgaben zu finanzieren (wie es zum Beispiel beim IPO von Anleihen und Aktien der Fall ist). Das Geld kann aber auch in nicht BIP-wirksame Transaktionen fließen (zum Beispiel in den fortlaufenden Nach-IPO-Handel von Wertpapieren, in meist marktmachtpolitisch motivierte Fusionen und Übernahmen, oder in spekulative Investments in Devisen, Immobilien, Rohstoffe, oder Derivate).  

In gewisser Weise stellen der Liquiditätsverlust im circuitistischen Modell und die daraus abgeleitete Liquiditätslücke eine Analogie dar zu einem anderen Problem, das Theologen und Sozialphilosophen über die Jahrhunderte geplagt hat, nämlich das Problem der Zinslücke, also die Frage, wie bei einer gegebenen Geldmenge außer der Tilgung eines geschuldeten Betrags auch noch die Zinsen darauf bezahlt werden können. Der Circuitismus behandelt diese Frage nicht, und es würde hier zu weit führen, auf die Zinsfrage einzugehen. Dennoch sei abschließend zumindest bemerkt, dass Probleme wie die circuitistische Liquiditätslücke und die anarchosyndikalistische Zinslücke methodologische Artefakte sind, die sich aus dem Reduktionismus der betreffenden Modellbetrachtungen ergeben.

Ist es nicht einfach so, dass in einer monetarisierten und finanzialisierten Wirtschaft alle Arten von Ausgaben bzw Einnahmen von vornherein und fortwährend in erheblichem Maß vor- und zwischenfinanziert werden müssen, und dass bei endogenem Geld im Prinzip stets dafür gesorgt werden kann, dass dies auch geschieht? Bei exogenem Geld würden die Dinge anders liegen, aber das ist nicht Teil unserer Realität. Ob die Dinge in einer Postwachstumsökonomie vielleicht einmal anders liegen, bleibe hier und heute dahingestellt.

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Benutzte circuitistische Literatur

Fontana, Giuseppe 2000: Post Keynesians and Circuitists on Money and Uncertainty, Journal of Post Keynesian Economics, Fall 2000, Vol.23, No.1, 27–48.

Graziani, Augusto 2003: The Monetary Theory of Production, Cambridge University Press.

Graziani, Augusto 1990: The Theory of the Monetary Circuit, Économies et Sociétés, No.7, 1990, 7–36.

Parguez, Alain / Seccareccia, Mario 2000: The credit theory of money -The monetary circuit approach, in J. Smithin (ed), What is Money?, London/New York: Routledge, 101–123.

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Literaturverweise / Anmerkungen

[1] Außer Augusto Graziani, der hier als hauptsächliche Referenz herangezogen wird, sind Bernard Schmitt, Alain Parguez, Alvaro Cencini, Frédéric Poulon and Giuseppe Fontana weitere namhafte Circuitisten.

[2] Graziani 2003 23.

[3] Graziani 1990 8-10, 16, 29; Graziani 2003 11, 23-29, 82.  

[4] Fontana 2000 42.

[5] Graziani 1990 29, 2003 26.

[6] Graziani 2003 58-62; 1990 8, 11–29.

[7] Graziani 1990 29, 7, 11.

[8] Godley, Wynne / Lavoie, Marc 2007: Monetary Economics, London: palgrave/ macmillan. - Wray, Randall 2012: Modern Money Theory, Palgrave/Macmillan. - Tcherneva, Pavlina 2006: Chartalism and the tax-driven approach, in: Arestis, Philip / Sawyer, Malcolm (eds.), A Handbook of Alternative Monetary Economics, Cheltenham: Edward Elgar, 69–86.    

[9] In seinem Zeitschriftenartikel von 1990, S.18, erwähnt Graziani einmal 'die Möglichkeit einer Geldschöpfung der Zentralbank zu dem Zweck, ein Haushaltsdefizit der Regierung zu finanzieren. Solches Zentralbankgeld ist nicht mehr eine Regierungsschuld gegenüber den Banken, sondern gegenüber der Zentralbank.'   

[10] Graziani 1990 16.

[11] Moore, Basil 1988: Horizontalists and Verticalists: The Macroeconomics of Credit Money, Cambridge University Press. - Palley, Thomas 1993: Competing Views of the Money Supply, New School for Social Research, New York, Dept. of Economics, July 1993, http://www.thomaspalley.com/docs/articles/macro_theory/monetary_supply.pdf.

[12] Graziani 1990 10, 2003 11.

[13] Cf. Zarlenga, Stephen 1999: Der Mythos vom Geld, die Geschichte der Macht, Zürich: Conzett, Kapitel 14–17; Hixson, William F. 1993: Triumph of the Bankers, Westport, CT: Praeger, chapters 7,8, 11–19.

[14] Vgl Vollgeld.de/optionen-einer-vollgeldreform. 

[15] Graziani 1990 11–12, 2003 61–62.  

[16] Cf. Rochon 1999 15, 17, 155, 163, 166ff; Keen 2011 358ff; Moore 1988. 

[17] Cf. the contributions of Henry, Hudson, Gardiner and Ingham in Wray, L. Randall (ed.) 2004: Credit and State Theories of Money, Cheltenham: Edward Elgar. - Graeber, David 2011: Debt. The first 5,000 years, New York: Melville House Publishing. 

[18] Chartale Geldtheorien sehen die Geldordnung und auch das Geld selbst als Geschöpfe der staatlichen Rechtsordnung. Ohne staatliche Gewährleistung könne kein Geld dauerhaft von Bestand sein. Diesbezügliche Referenzen sind die Britische Currency School der 1830 – 40er Jahre, die Staatliche Theorie des Geldes nach Fr.  Knapp (1905) sowie auch die bald darauf verfassten Schriften von A. Mitchell-Innes. Die letzteren Autoren vertreten jedoch einen unvollständigen Chartalismus, bei dem die umlaufenden Zahlungsmittel nicht unbedingt staatliches Geld zu sein brauchen, sondern es sich auch um privates Geld, insb. Giralgeld der Banken, handeln kann.

[19] Lagos, Ricardo 2006: Inside and Outside Money, Federal Reserve Bank of Minneapolis, Research Department Staff Report 374, May 2006. - Roch, Cullen 2012: Understanding Inside Money and Outside Money, Pragmatic Capitalism, www.pragcap.com/under­standing-inside-money-and-outside-money.

[20] Graziani 1990 15.

[21] Graziani 1990 27.

[22] Graziani 2003 26–31; Parguez/Seccareccia 2000.                                                    

[23] Graziani 2003 21.                                                                                                         

[24] Graziani 1990 27.

[25] Cf. Jesús Huerta de Soto 2009: Money, Bank Credit, and Economic Cycles, Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, Chapter 5, 265–396.

[26] Fontana 2000 42.

[27] Graziani 1990 12.

[28] Jordà, Òscar / Schularick, Moritz / Taylor, Alan M. 2014: The Great Mortgaging: Housing Finance, Crises, and Business Cycles, NBER Working Papers, No. 20501, Sep 2014, National Bureau of Economic Research. - Economist, March 28th, 2015, 16.

[29] Eigene Ermittlungen auf Grundlage der amtlichen Wirtschafts- und Finanzstatistik.

[30] Graziani 1990 14.

[31] Als circuitistische Referenz vgl Parguez/Seccareccia 2000 425 ff.

[32] Graziani 1990 13.

[33] Fontana 2000 43.

[34] Graziani 2003 32.

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