Zwischenlösungen zur Vollgeldreform

Digitales Zentralbankgeld und Vollgeldkonten                                                                       

 

Einführung

Seit etwa 2013/14 sucht man auch nach Zwischenlösungen einer Vollgeldreform. Sollte eine komplette Reform mit Beendigung des Giralgeldprivilegs der Banken in absehbarer Zeit nicht erreicht werden, wäre vielleicht doch etwas weniger weitgehendes erreichbar. Das gemeinsame Prinzip verschiedener solcher Ansätze liegt darin, Zentralbank-Buchgeld, die heutigen sog. Reserven im Geldverkehr zwischen Banken, auch im öffentlichen Geldverkehr unter Nichtbanken einzuführen, jedoch ohne dabei das Giralgeldprivileg der Banken anzutasten, also die Fähigkeit des Bankensektors, sich selbst das Giralgeld zu erzeugen, auf dessen Grundlage die Banken bei ihren Geschäften mit Nichtbanken tätig sind. (Für ein kurzes Glossar siehe Fußnote[1]).

Die Grundidee besteht darin, Nichtbanken auch im bargeldlosen Verkehr die Wahl zwischen Bankengeld (Giralgeld) und Zentralbankgeld (Vollgeld) zu ermöglichen. Beide würden parallel neben- und miteinander bestehen. Mancher Anhänger der Idee idealisiert sie als eine 'Kombination des Besten zweier Welten'. Andere, etwas gemessener, hoffen darauf, es werde sich um eine Übergangslösung handeln, in der das heutige Giralgeldregime der Banken allmählich sein Ende finden würde. Mit der Zeit würde das sichere Zentralbankgeld erster Ordnung das unsichere Bankengeld zweiter Ordnung aus dem Verkehr verdrängen. Umgekehrt würde dadurch die Fehlentwicklung der letzten hundert Jahre, in der das Giralgeld das Vollgeld zu inzwischen über 90% verdrängt hat, sodass wir es heute mit einem Giralgeldregime der Banken zu tun haben. Es wird pro-aktiv von der Giralgeldschöpfung der Banken bestimmt, während die Zentralbanken es aufgegeben haben, die Geldmenge unter Kontrolle behalten zu wollen (zugunsten eines Inflationsziels, das durch Zinspolitik von zweifelhafter Wirkung erreicht werden soll).    

Von den verschiedenen Vorschlägen sollen hier sechs besprochen werden: 
-    digitales Zentralbankgeld auf Grundlage des Blockchainprinzips (engl. central bank issued digital currency (CBDC)) und
-    Vollgeldkonten als alternative Option zu Girokonten.
Zum letzteren Ansatz gibt es verschiedene Varianten, zum Beispiel  
-    Zentralbankkonten für alle und
-    mobile Gebrauch von Vollgeldkonten.

Zwei weitere in diesem Zusammenhang häufig genannte Ansätze sind  
-    Helikoptergeld and
-    sichere Konten bzw sicheres Giralgeld durch eine freiwillige 100%-Reserve auf individuelle Bankeinlagen.
Tatsächlich jedoch, wie in zwei Abschnitten am Ende des Papiers erläutert wird, gehören Helikoptergeld und 100%-reservegedeckte Depositen nicht hierher.

Zwei Entwicklungen welche die Staatliche Geldhoheit bedrohen

Es stellt sich heute die Frage, ob und wie es möglich ist, unbares Vollgeld im Publikumsverkehr einzuführen, sei es in Form von digitalem Zentralbankgeld oder in Form von separaten und daher sicheren Vollgeldkonten im allgemeinen Publikumsverkehr. Von einem chartalistischen Standpunkt (Geld als Teil der Rechtsordnung) sind beide Möglichkeiten höchst wünschenswert. Denn ansonsten drohen zwei weitere Entwicklungen des Geldwesens, die staatliche Geldhoheit vollends außer Kraft zu setzen. Die staatliche Geldhoheit besteht in den drei monetären Prärogativen, (1) die Währung eines Landes zu bestimmen, die offizielle monetäre Recheneinheit in Form von Dollar, Euro o.a., (2) das Geld in dieser Währung zu schöpfen und in Umlauf zu bringen, und (3) den damit verbundenen Geldschöpfungsgewinn, die Seigniorage, zugunsten der Staatskasse einzunehmen.

Die Entfaltung des Giralgeldregimes der Banken seit mehr als hundert Jahren hat die Prärogativen der Geldschöpfung und der Seigniorage bereits sehr weitgehend zugunsten des Giralgeldprivilegs der Banken zurückgedrängt. Die beiden aktuellen Entwicklungen, welche die Situation nun endgültig auf die Spitze zu treiben drohen, sind zum einen das Verschwinden und ggf die mutwillige Abschaffung des herkömmlichen Bargelds und zum anderen die wachsende Verbreitung von privaten Digitalwährungen auf Blockchainbasis wie zum Beispiel Bitcoins. Das Verschwinden des traditionalen Bargelds zusammen mit der Verbreitung von privatem Digitalgeld und der ohnehin schon vorhandenen Vorherrschaft des Giralgelds der Banken bilden eine höchst wirksame Kombination, um die staatliche Geldhoheit endgültig gegenstandslos werden zu lassen.

Der Anteil des Bargeldes an der gesamten Geldmenge ist bereits immer kleiner geworden. Früher oder später wird das Bargeld ganz verschwinden oder abgeschafftwerden. Vor hundert Jahren lag das Verhältnis von Bargeld zu Giralgeld bei 60:40. Heute liegt es statistisch bei unter 20:80; tatsächlich wohl nur bei 10:90, denn ein Teil des Bargelds wird als Sicherheitspolster gehortet, oder es zirkuliert im Ausland als Parallelwährung. Das Bargeld, das für Schwarzarbeit und sonst in der Untergrundwirtschaft zirkuliert, ist dagegen Teil des inländischen aktiven Bargelds.     

Um 100 Euro Giralgeld zu erzeugen und in Umlauf zu halten, benötigen die Banken in der Eurozone heute im Durchschnitt nur noch eine Reserve von 2,5 Euro Zentralbankgeld, davon 1,4 Euro für die Bargeldautomaten, ~0,1 Euro liquide Zahlungsreserve (sog. Überschussreserve) und 1 Euro brach liegende Mindestreserve.  Um von der Zentralbank vollends unabhängig zu werden und das Giralgeldregime komplett zu machen, müssten die Banken nur noch die Restgrößen von 1,4% Bargeld und 1,1% Reserven los werden. In England, Kanada und anderen Ländern hat man die geldpolitisch funktionslose Mindestreserve, und damit den größten Teil der Reservehaltung, bereits abgeschafft. bereits abgeschafft. Das verbleibende Bargeld ist den Banken ohnedies nur noch lästig, denn seine Handhabung ist viel aufwendiger und damit teurer als das computerisierte Management von Giralgeld. 

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odells der Autoren ergibt, dass die Einführung von digitalem Vg überwiesen wird.      

Das Zentralbankgeld für die Geldkonten würde in Umlauf kommen, indem Regierungsstellen oder Banken Zahlungen an Kunden auf Geldkonten der Kunden leisten. Die Regierung würde das Geld in der gleichen Weise wie heute einnehmen, indem sie Zahlungen von bzw über Banken in Reserven erhält. Die Banken selbst würden die Reserven weiterhin von der Zentralbank und anderen Banken erhalten, zusätzlich dann auch durch Überweisungen von den neuen Geldkonten.    

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Endnoten

[1] Kontogeld (im Unterschied zu Bargeld) = Geldguthaben auf einem Konto, sei es bei einer Bank oder der Zentralbank.

Giralgeld = Sichteinlagen oder Sichtdepositen auf Girokonten = Guthaben auf Girokonten für den bargeldlosen Zahlungsverkehr von Nichtbanken. Sichtdepositen sind liquides oder aktives Giralgeld, im Unterschied zu Spar- und Termineinlagen, bei denen es sich um temporär deaktiviertes Giralgeld handelt.

'Reserven' ist der Fachausdruck für unbares Zentralbankgeld auf den Konten der Banken bei der Zentralbank. Reserven fließen nur im Zahlungsverkehr unter Banken, wobei aber auch staatliche Stellen noch Zahlungskonten bei der Zentralbank führen.  Giralgeld dagegen fließt nur im allgemeinen öffentlichen Zahlungsverkehr unter Nichtbanken, wobei wiederum auch staatliche Stellen Girokonten bei Banken unterhalten. Nichtbanken sind Firmen, private Haushalte, andere private Institutionen sowie auch andere öffentliche Institutionen. Obwohl staatliche Stellen Zahlungskonten bei der Zentralbank unterhalten, handelt es sich um Nichtbanken. 

In dem Maß wie die Zentralbanken heute zu nationalen Geldbehörden geworden sind, ist Zentralbankgeld Vollgeld, das heißt, unbeschränktes gesetzliches Zahlungsmittel, herausgegeben von der speziell dazu autorisierten Behörde, zumeist eben in Gestalt der Zentralbank.

[2] Buiter 2009, Rogoff 2014. Larry Summers beim IWF Wirtschaftsforum am 8 Nov 2013, Rede auf www.you­tube.com/watch?v=KYpVzBbQIX0. Zur Kritik der zunehmenden Einschränkung und tendenziellen Abschaffung des Bargelds siehe Häring 2016.

[3] See Higgins 2015, ebenso Ali/Barrdear/Clews/Southgate 2014a+b.

[4] Andolfatto 2015.

[5] BIS 2015, Broadbent 2016, Barrdear/Kumhof 2016, South China Morning Post 2016. 

[6] Peter Levring at Bloomberg, 11 Dec 2016, www.bloomberg.com/news/articles/2016-12-11/blockchain-lures-central-banks-as-danes-consider-minting-e-krone.

[7] Yamaguchi/Yamaguchi 2016, Wortmann 2016, Dyson/Hodgson 2016, Huber 2014 #ecash.

[8] System emit einer hohen Tranaktionskapazität gibt es bereits, zum Beispiel in verschiedenen offiziellen Verrechnungs- und Zahlungssystemen, bei großen Bahn- und Flugkonzernen, Telekommunikations- und Internetkonzernen.

[9] Quantitative Easing = Monetisierung von Schulden in Form des Ankaufs von Staatsanleihen und ggf anderen Wertpapieren, um so die bisherigen Halter der Wertpapiere mit frischem Geld zu versorgen. Monetisierung = neues Geld schöpfen gegen Kauf oder Hinterlegung von 'Sicherheiten', sprich Schuldenpapieren.

[10] Barrdear and Kumhof 2016 3–18.

[11] I habe Vollgeldkonten getrennt von den Eigenmitteln einer Bank und gemanagt außerhalb der Bankbilanz, zuerst in Verbindung mit Ansätzen einer monetären Finanzierung von Staatsausgaben vorgeschlagen, mit dem Argument, dass solche Ansätze erst dadurch eine wirkliche geldreformerische Relevanz bekommen (Huber 2014 #offbalance). Die gleiche Funktion erfüllt natürlich auch die Einführung von digitalem Zentralbankgeld.

[12] Cf. Dyson/Hodgson 2016. Dieser Vorschlag konvergiert in seinen Grundzügen mit dem hier vorgebrachten Vorschlag von getrennten Geldkonten. Das Papier behandelt ebenso die Wünschbarkeit von elektronischem oder digitalen Zentralbankgeld, ohne jedoch schon klare Unterscheidungen vorzunehmen.

[13] Schemmann 2012, Andresen 2014.  

[14] Gocht 1975 pp.81.

[15] See www.qe4people.eu; Turner 2016 pp.218.  

[16] Mayer 2013a+b, Gudehus 2015.

[17] On the shortcomings and cost disadvantage of 100% banking, cf. www.sovereignmoney.eu/ 100-per-cent-reserve-chicago-plan

 

                                                                         

 

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Inhalt  

Einführung

Zwei Entwicklungen welche die staatliche Geldhoheit bedrohen

Digitales Vollgeld der Zentralbankgeld

Vollgeldkonten als alternative Option zu Girokonten

Zentralbankkonten für alle?

Mobiler Gebrauch von Geldkonten 

Helikoptergeld

Sicheres Giralgeld durch eine freiwillige 100%-Reserve 

Abschließende Feststellungen 

Literatur  
Endnoten 


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